Montag, 31. Januar 2011

Si tacuisses ...

Der engagierte Katholik Dr. Norbert Lammert, der kürzlich mit einer Neuübersetzung des Vaterunsers aufwartete, erneuert seine Argumentation wider den Zölibat in der Zeit. Die besorgten Bemühungen, das ohnehin wenig seetauglich erscheinende Schifflein der DBK in diesen Zeiten, die vom Drang zur nahezu bedingungslosen Ökumene und von der Angst um die Zukunft der Seelsorge getrieben sind, mit zu steuern, machen den Eindruck, die Koordinaten des Kurses wiesen auf eine Art "Deutsche Kirche": ein bisschen katholisch (was fürs Herz halt), aber vor allem unheimlich ökumenisch. Denn ohne den offenen Bruch mit Rom wäre den "dringlichen Bitten" nicht nachzugeben, die in einer - man möge mir den separatistisch anmuntenden Ausdruck verzeihen - protestantischen Umgebung typischen Forderungen nach Priesterehe, Priesterinnen etc. zu überdenken.

Ist es denn etwa vermessen, diejenigen, die den Konzilsgeist derart interpretieren, darauf zu verweisen, dass es Konfessionen gibt, mit denen sie vielleicht glücklicher werden als mit der katholischen Kirche? Oder sie zu fragen, wie es denn in solchen Konfessionen um die flächendeckende pastorale Seelsorge und die geistliche (nicht geistige) Verfasstheit ihrer Hirten bestellt ist?

Mit welchem Anspruchsdenken der Herr Lammert und seine MitstreiterInnen auftreten, zeigt sich ja schon in dem wiederholten Hinweis, "vielen Gläubigen" werde "bereits heute ihr Recht auf die sonntägliche Messfeier vorenthalten oder ihr Wunsch unverhältnismäßig erschwert". Lieber Herr Lammert, Sie irren! Es gibt kein "Recht" auf die sonntägliche Messfeier, sondern eine Sonntagspflicht der Christen. Und was die Frage angeht, ob der Messbesuch "unverhältnismäßig erschwert" werde, verweise ich mal auf die Zeit vor dem Dritten Reich, als die Menschen noch weite Wege in Kauf nahmen, um sonntags eine Messe zu hören - vor dem (für den betreffenden Bauunternehmer lukrativen) Kirchenbauboom z.B. im Bistum Essen und der "Priesterschwemme" nach dem Zweiten Weltkrieg.

Nebenbei bemerkt: Heute, im Zeitalter der Mobilität, nehmen manche Gottesdienstbesucher sogar freiwillig unverhältnismäßig weite Wege in Anspruch, um eine bevorzugte Form der Messfeier regelmäßig besuchen zu können oder eine bevorzugte Auslegung durch einen bevorzugten Geistlichen zu hören - ob das nun die außerordentliche Form ist oder liturgischer Tanz mit heilendem Trommeln.

Mir persönlich erscheint es eher höchst populistisch, den Zölibat heranzuziehen, der in der katholischen Kirche (anders als bei buddhistischen Lamas) eine höchst freiwillige Entscheidung ist und damit kein "Zwang". Wenn ich - der Vergleich hinkt selbstverständlich! - als Marketingstratege bei Hertha ("Wenn's um die Wurst geht") arbeiten wollte, sollte ich auch keine überzeugte Vegetarierin sein. ;-)

Man ist verleitet zu sagen, der Deutsche jammere mal wieder auf hohem Niveau, weil die Ansprüche, die der Herr Lammert  als Katholik an die katholische Geistlichkeit hat, nicht so erfüllt werden, wie er es gewohnt war oder gerne hätte. Angesichts eines erodierten Glaubenslebens mit Meditationsrunden, Blindekuh-Katechese, Stuhlkreisen und gestalteten Mitten, mit selbstformulierten Hochgebeten, heilendem Trommeln und liturgischem Tanz - zeitgleich mit einem nahezu völligen Wegfall der Beicht- und Gebetskultur ebenso wie der liturgischen Verbindlichkeit - bleibt eigentlich nur die Hoffnung, dass nachkommende Generationen in ihrem Hunger nach Spiritualität noch Inseln derselben in den deutschsprachigen Kirchenprovinzen vorfinden werden, aus denen eine Erneuerung erfolgen kann.

Schon bei der Rechtschreibreform zeigte sich, dass arg viel Änderung, die eine neunmalkluge Kommission durchsetzte, eine Deformation der Sprache zur Folge hatten. Die Folge der Reformation war - auch wenn man es hierzulande unter dem "Dogma" der Ökumene nicht sagen darf - ein Schisma.

Kommentare:

  1. Dem kann ich aus vollem Herzen zustimmen!

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  2. "Unverhältnismäßig erschwert" wie schön; aus dem Mund der gleichen Politiker kann man dann nur zu oft hören, dass der moderne Arbeitnehmer flexibel und mobil zu sein habe...

    Ansonsten kann ich nur sagen, sehr weise Worte

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  3. @Ludolph
    Mir ist auch schon mehrfach sauer aufgestoßen, dass alles, was "der Wirtschaft" (letztendlich also dem Mammon) dient, als schicksalhaft oktroyiert wird, man hingegen von den christlichen Glaubensgemeinschaften Anpassungsfähigkeit an die sich wandelnden Bedüfnisse der sich an die Wirtschaft anpassenden Werktätigen und Dienstleistenden erwartet. Um's mit Platon zu sagen: Hier wird die Welt auf den Kopf gestellt!

    Aber das ist in ähnlicher Weise ja schon bei der ersten Reformation passiert, die die damals Mächtigen zu ihren politischen Zwecken zu nutzten wussten, die deutschen Fürsten, deren jeder nicht mehr die Reichseinheit durch das Kaisertum mittragen, sondern wenn er schon nicht selbst Kaiser werden konnte, sein eigener kleiner Caesar in seinem wenn auch noch so kleinen eigenen Territorium sein wollte - die deutsche Kleinstaaterei!

    Ich bin beileibe keine "Kaiserliche", aber man sollte sich mal deutlich ansehen, was derlei Spaltungen in der Geschichte bisher hervorgebracht haben. Die positiven Bewegungen waren im Grunde stets die des Zusammenkommens, der Gemeinschaft - so auch die Bewegung, die zur Wiedervereinigung Deutschlands führte.

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  4. Jawollja!
    Falls ich es noch nicht geschrieben haben sollte:
    Herzlich willkommen in der Blogozese!

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